Was die Raupe das Ende der Welt nennt, nennt der Meister einen Schmetterling (tibetisches Sprichwort).

In diesen Tagen begegne ich und begegnen wir den mächtigsten unserer tiefsten Ängste. Sie melden sich mit ganzer Kraft zu Wort, nicht einzeln, sondern geballt: Unsicherheit, Angst vor Schmerz und Krankheit, Hilflosigkeit und das Negieren unserer eigenen Sterblichkeit.

Schon immer tragen wir diese Ängste mit uns, sie flüstern leise vor sich hin, bis sie ein Auslöser aktiviert. Plötzlich werden sie laut und übertönen alles andere in unserem Leben! Wir nennen solche Momente Krisen oder Katastrophen. Persönlich sowie gesellschaftlich erfolgen dadurch Umbrüche und Neuanfänge – und danach erkennen wir sie auch, die bis dahin verborgene Chancen und unsere neuen Möglichkeiten, … doch der Moment, in dem die Ängste aktiviert werden, der fühlt es sich wirklich nicht nach Chance an!

Wir kennen es so, dass das Leben einfach weiter geht, während die „Krisen/ Chancen“ sich in Wellen nähern, anschwellen und abebben. Das ist diesmal anders, das Leben scheint stehen geblieben zu sein, während sich gleichzeitig alles wandelt. Diese Krise zwing uns für eine bestimmte Zeit aus unserer gewohnten Routine auszubrechen, das heißt wir tun nicht mehr die gleichen Dinge zur gleichen Zeit, wir treffen nicht mehr die gleichen Menschen am gleichen Ort und wir stehen nicht mehr zur gleichen Zeit im gleichen Stau. Und wer hat eine solche Situation bereits erlebt, oder besser noch kennt sich wirklich gut damit aus? Könnten wir etwas lernen?

Besuchen wir in Gedanken die Schmetterlingsraupe… Sie frisst und wächst und bereitet sich damit vor für das tiefgreifendste Erlebnis ihres Lebens. Schon während sie sich in höchst möglichem Tempo durchs Leben und ihre Umgebung futtert, bildet sie Imago-Zellen aus – eine Zellart, die das eigene Immunsystem als feindlich erkennt und es attackiert. Mit dieser Attacke schützt die Raupe sich vor ihrer Zukunft, weil sie dafür noch nicht reif ist.

Auf was reagiert die Raupe denn so „allergisch“? Sie reagiert, weil sie sich gegen die enorme Kraft, die in diesen Zellen steckt, wehren muss! Sie sind die Zukunftsversion der Schmetterlingszellen, also das neue Bild – eigentlich etwas Wunderbares, eine große Chance. Sie tragen bereits die Informationen des Schmetterlings in sich. Und was macht die Immunabwehr der Raupe? Sie zerstört sie, denn sie sind eine Gefahr für ihr bestehendes System! Doch den Lauf der Dinge wird auch die mächtigste Abwehr nicht aufhalten können.

Diese Situation entspricht dem Moment, als uns der Auslöser erreichte, der unsere Ängste aktiviert. Wir Menschen waren beschäftigt, eifrig futternd, im Mehr-Modus, immer wachsend, prall gefüllt … wir versuchten die neue Kraft zu unterdrücken, zu negieren, zu bekämpfen, denn wir waren noch nicht reif für das Neue. Doch der Lauf der Entwicklung lässt sich nicht verhindern, Energie geht nicht verloren, sie wird etwas in Gang setzen!

Auch die Raupe beugt sich diesem Gesetz. Sie beginnt sich zu verpuppen, inklusive der neuen Zellen, dem innewohnenden Bild der neuen Welt, die ihr Inneres als feindlich eingestuft hat. Mit der Verpuppung schafft sie sich ihren sicheren Raum und verliert gleichzeitig den bekannten Kontakt zu ihrer Umwelt.

Klingt ganz offensichtlich nach dem, was wir erleben – unsere Zuhause-Kokons sind jetzt unsere Welt, in der die Entwicklung weitergeht, ohne dass wir wissen könnten wohin die Entwicklung uns führt. Wir wissen nur, dass es weitergehen wird und wir üben uns in unseren Kokons im Vertrauen und darin, den Botschaftern besser zuzuhören. Hier begegnen wir unseren Ängsten. Das ist umso spürbarer, als wir unserem Drang nach körperlichem Zusammenrücken nicht folgen können. Das, was uns seit Menschengedenken Schutz und Sicherheit verheißen hat, ist gerade nicht zugänglich und sorgt dafür, dass noch mehr unserer bewussten und unbewussten Ängste wirksam werden. Bisher haben wir unsere Wahrnehmung von Sicherheit über außen definiert: Schutz durch andere, durch Grenzen, Gesetze, finanzielle Absicherungen, die starke fremde Hand. Da will etwas umgebaut/ in-formiert/ verändert werden und in eine innere Sicherheit transformiert werden.

Wie sieht dieses Stadium im Kokon der Raupe aus?

Die neuen Zellen wachsen auch im Kokon immer wieder in ihr nach und ihr Immunsystem wehrt sie weiterhin ab. Nun ist sie also allein in diesem geschützten Raum und das Neue in ihr wird weiterhin bekämpft. Dieser Prozess ist massiv! Doch die Imagozellen geben nicht auf, wachsen schneller, als die Immunabwehr sie zerstören kann und es bilden sich in ihrem Inneren so genannte Cluster, kleine Zellhaufen.

Die Immunabwehr der Raupe erkennt auch diese Zellhaufen als nicht zu ihr gehörig und bekämpft sie weiterhin mit aller Kraft, denn sie sind der Feind! Das alte System ist stark, gut ausgerüstet, aufgeladen und siegessicher, es kann sich deswegen eine ganze Weile gegen die neuen Informationen zur Wehr setzen.

Ist das der Moment, den wir alle gerade spüren? Den Impuls, den manche geahnt und gespürt haben und noch nicht zuordnen konnten? Verfolgen wir doch die weiteren Schritte der Raupe, was geschieht, wenn die Transformation den Organismus sichtbar erreicht hat. Hier schauen wir genauer hin:

Die Raupe hat einen Schritt gemacht, sich ganz nach innen begeben und ihr System lernt gerade, dass das der sicherste Platz ist für sie: bei ihr. Völlig unabhängig von dem was sie bisher am Leben erhalten hat. Würde man den Kokon jetzt aufschneiden, könnten wir nichts außer einer breiigen Masse sehen. Es wachsen nämlich keine Flügel an die Raupe! Die Raupe löst sich tatsächlich völlig auf – in alle ihre Bestandteile, in eine klebrige, formlose Zellmasse. Und sie ist hochaktiv, denn nun verbinden sich einzelne dieser überall in der Masse verteilten Bilderzellen zu Imagofäden, die die bereits bestehenden Zellhaufen miteinander verbinden.

Es sind diese Fäden, die das Neue möglichen machen werden, der Wendepunkt, das Wunder: es entsteht ein Netzwerk tief im Inneren: wie magnetisch verbinden sich viele kleine Informationen, Gedanken, Gefühle, Eindrücke, Sichtweisen, die wir lange massiv unterdrückt und bekämpft haben zu Informationssträngen. Dafür muss natürlich das bekannte Leben von außen weiterhin abgeschottet bleiben, sonst würde die alte Zellprägung die Oberhand gewinnen. Das ist übrigens auch der Grund, warum sich die alten Beziehungen unter uns gerade jetzt irgendwie anders anfühlen. Wir arbeiten innen, an unserem „internen Informationsnetzwerk“, denken nach, gehen spazieren, kochen. Viel schwerer ist der Prozess, wenn die alten Signale (Ablenkung, Fernsehen, Aktivitäten) weiter produziert werden würden, das würde den Prozess verlangsamen und dazu führen, dass wir damit den Botschafter noch eine Weile länger beherbergen. So lange, bis die Selbstverantwortung für diesen „Umbauplan“, den not-wendigen inneren Prozess, angenommen wurde.

Es ist soweit, jetzt erkennt die Immunabwehr der Raupe, dass diese miteinander verbundenen Cluster zu ihr gehören! Sie waren schon lange da, nur unbemerkt in ihrer Qualität, wie Puzzleteilchen. Hier entsteht durch die Vernetzung das neue Bild, jetzt wird es klar: Sie weiß jetzt wohin sie sich wandeln wird! Sie beendet die Bekämpfung des neuen Bildes und akzeptiert den Transformationsprozess.

Die ehemalige Raupe in-formiert jetzt all ihre Zellen, die gemäß dem neuen Bild ihre Form ändern können. Ganz leicht, geschützt in sich selbst, reift die neue Form heran. Ohne Stress, ohne Lärm oder äußere Einflüsse verwandelt sich die breiige Masse jetzt in das Wesen, das fern ihrer bewussten Vorstellungskraft bereits als Bild in ihren Imago-Zellen existierte.

Die äußere Kontaktsperre gibt uns jetzt mehr Zeit für die innere Kontaktaufnahme, sie hilft uns sozusagen in unser ganz „persönliches Retreat“ zu gehen, zumindest für diejenigen, die nicht an vorderster Front im Einsatz sind. Unsere stärksten Gehirnvernetzungen, unsere eingefahrenen Muster werden gerade weniger gebraucht und das ist der Moment, wo es leichter ist Altes loszulassen, Neues zu denken und vom „Leben nach Autopilot“ wieder mehr zu einem „bewussten Leben“ zu wechseln.

In einem Retreat, ob in einsamer Natur, in einem Kloster, einem Workshopraum oder in unseren vier Wänden geht es immer um eine Innenschau, um eine Klärung, ob ich auf dem richtigen Weg bin, ob ich mein Leben lebe.

Genau diese Chance bietet uns die Situation im Moment, und zwar so vielen Menschen zur gleichen Zeit, wie es auf unserem Planeten noch nie der Fall war.

Wäre es nicht eine gut investierte Zeit jetzt die wichtigen Lebensfragen unseres eigenen Lebens anzuschauen?

Falls ihr Lust dazu habt, möchten wir euch ein paar Fragen zur Anregung geben:

  • Wie zufrieden bin ich mit meinem Leben?
  • Mache ich die Dinge, die ich wirklich machen möchte?
  • Was dient mir nicht mehr, was würde ich gerne loslassen?
  • Wie geht es mir jetzt, was kommt im Moment hoch, was wollen mir meine Empfindungen sagen?
  • Was fehlt mir im Moment am meisten?
  • Wovor habe ich am meisten Angst?
  • Welche Träume und Hoffnungen habe ich?
  • Was hindert mich, meinen Bedürfnissen und Wünschen zu folgen?
  • Was würde es für die Zeit nach der Krise bedeuten, wenn wir alles das, was wir in der Zeit der „Kontaktsperre“ gelernt haben, im Anschluss beginnen, gemeinsam in die Welt zu tragen?
  • Was würde das für uns und unsere Welt bedeuten?

In diesem Stadium werden wir unsere Gehirnstruktur wandeln, wir haben die Chance unsere Ängste aufgelöst und in Vertrauen gewandelt zu haben. Die Zukunft in-formiert uns, und die neue Gesellschaft, über das neue Bild, dem wir entgegenwachsen, mit einem tieferen Verständnis und echter Werteschätzung für unser menschliches Miteinander. Dafür braucht es Ruhe, Zeit und wie bei der Raupe den Ausschluss der Öffentlichkeit.

Während die Raupe zum Schmetterling wird, erwartet sie der vorletzte Schritt auf ihrem Weg – sie muss sich noch selbst aus dem Kokon herausschälen. So wie wir, wenn wir in die neue Zukunft treten, innerlich verändert, dankbar für die Auflösungen, zuversichtlich und im Bewusstsein der eigenen Kraft bereit, Neues zu wagen.

Der Schmetterling, der trübe und zerknittert am Kokon hängt, erblickt das Licht der neuen Zeit – und vollendendet mit dem letzten Schritt seine Transformation: er findet den Mut in sich etwas zu tun, was er noch nie kannte oder konnte – seine Flügel im Sonnenlicht zu entfalten und zu fliegen … Da schwebt es, das neues Wesen, der Engel einer toten Raupe.

Krise – oder Katalysator zur Weiterentwicklung?

Die Raupe mag das Ende des Raupendaseins als eine große Krise erleben, doch am Ende stellt sich diese als Katalysator für einen großen Fortschritt, hin zu einem wunderbaren Dasein in Leichtigkeit, Freiheit und Schönheit heraus.

Auch in der Menschheitsgeschichte sind viele der größten Errungenschaften der Zivilisation nach Kriegen, Seuchen und anderen Krisensituationen entstanden. So wird die Pest oft als Katalysator für die Renaissance genannt. Isaak Newton zum Beispiel entwickelte seine Forschung in der Pestquarantäne.

Viele alte Weisheitslehren sprechen seit Jahrtausenden davon, dass es jetzt in unserer Zeit zu einer großen Transformation kommen soll, weg von einem dominierenden „ICH“ und hin zu einem größeren „WIR“.

Seit der Zeit der Aufklärung ist uns die Individualität, die Autonomie und die Selbstverwirklichung immer wichtiger geworden. Doch immer mehr stößt dieser Prozess an seine Grenzen, wenn Egoismus, Gier und Ausgrenzung zur Spaltung von ganzen Gesellschaften führen. Durch die soziale Distanz spüren wir plötzlich die besondere Bedeutung des WIR wieder. Eine Umarmung, eine Berührung, Augen- und Hautkontakt, ein gemeinsamer Spaziergang oder ein Abend mit Freunden hat jetzt einen neuen Wert.

Natürlich gab es auch vorher ein WIR, aber so wie die Raupe nicht fliegen konnte, gab es im ALTEN WIR (z.B. bei Stämmen oder im Nationalismus) keinen Platz für das Individuum. Im NEUEN WIR können wir fliegen, das heißt wir können uns auf die Gemeinschaft einlassen und gleichzeitig wir selbst bleiben. Damit gibt es eine große Chance für eine viel größere Wertschätzung der Andersartigkeit und damit zu einem stärkeren Zusammenwachsen auf unserem Planeten.

Dann hat das Corona Virus am Ende doch noch eine große Sinnhaftigkeit.

Herzlich,
Petra, Andrea und Franz

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